Ving Tsun Trainingsreise Hongkong 2025
Diese Reise nach Hongkong war für mich mehr als ein Trainingscamp. Sie war die Erfüllung eines lang gehegten Traums - und gleichzeitig eine bewusste Standortbestimmung.
Nicht als Tourist, sondern als Schüler. Als Lehrer, der selbst weiter lernt. Und als Teil einer Ving Tsun Gemeinschaft, die Tiefe, Qualität und Verantwortung lebt.
Hongkong ist der Ursprung vieler Geschichten, die wir im Westen oft nur aus Büchern, Filmen oder Erzählungen kennen. Dort vor Ort zu sein, mit den Füßen auf diesem Boden zu stehen und diese Orte gemeinsam mit Sifu Göksel und der Gruppe zu erleben, hat dem Ganzen eine andere Dimension gegeben.
Diese Seite gibt Einblick in diese Woche - in Eindrücke, Begegnungen und Gedanken, die geblieben sind und meinen Weg bis heute begleiten.
Ankunft und erster Eindruck
Nach dem langen Flug und den ersten Schritten durch Hongkong war sofort klar: Das hier ist eine andere Welt.
Die Luft, das Klima, die Geräusche, die Menschen, alles wirkt dichter, schneller und gleichzeitig erstaunlich ruhig. Wolkenkratzer neben engen Gassen, moderne Architektur neben alten Strukturen. Schon in den ersten Stunden wurde mir bewusst, dass diese Stadt nicht nur Kulisse ist, sondern Energie hat.
Am ersten Abend standen wir an der Avenue of Stars, direkt an der Tsim Sha Tsui Promenade. Blick auf die Skyline, Lichter, Bewegung, Leben. Bruce Lee ganz in der Nähe, das Wasser vor uns, die Stadt im Rücken. Ein Moment, den Bilder kaum einfangen können.
Es war dieser Augenblick, in dem ich gespürt habe: Diese Woche wird nicht einfach nur "eine Reise". Sie wird bleiben.
Ursprung ohne Bühne: Ip Man
Ip Man lebte ein Leben fern von Glanz und Bühne. In kleinen Räumen unterrichtete er Wing Chun, oft mit begrenzten Mitteln und finanziellen Sorgen. Heute zu stehen, dort wo er seine ersten Schüler empfing, macht diese Bescheidenheit greifbar und zeigt, dass große Wirkung aus klarer, konsequenter Arbeit entsteht - Tag für Tag, Jahr für Jahr.
Es beeindruckt mich, wie seine Prinzipien und Methoden über Generationen weitergegeben wurden und bis heute unser Training prägen. Für mich war es ein Moment der Dankbarkeit, an diesem Ort zu stehen, die Verantwortung zu spüren, diese Tradition bestmöglich weiterzutragen und zu erkennen, wie sehr unser eigenes Ving Tsun von dieser Tiefe und Klarheit profitiert.
Orte, an denen Geschichte Alltag war
An diesen Orten wurde mir besonders klar, dass Ving Tsun nicht in großen Hallen oder auf Bühnen entstanden ist. Es war Alltag. Enge Räume, einfache Gebäude, wenig Komfort. Und genau dort wurde über Jahrzehnte konsequent gearbeitet, gelernt und unterrichtet.
Am Grab von Yip Man zu stehen, war kein lauter Moment. Es war still. Und gerade diese Stille hatte eine enorme Wirkung. Ip Man hat selbst nie erlebt, welche weltweite Bedeutung Wing Chun einmal haben würde. Er unterrichtete bescheiden, oft unter schwierigen Umständen, ohne Ruhm, ohne große Anerkennung. Erst nach seinem Tod begann das System wirklich zu wachsen. Diese Erkenntnis hat mich tief berührt.
Auch der Besuch des Ortes, an dem Ip Man seinen ersten öffentlichen Unterricht in Hongkong gab, hat dieses Gefühl verstärkt. Kein besonderer Ort im klassischen Sinne, sondern ein ganz normales Gebäude in einer einfachen Gegend. Und doch begann genau dort eine Entwicklung, die Wing Chun bis in alle Teile der Welt getragen hat.
Für mich liegt darin eine klare Lehre. Es geht nicht um Inszenierung, Titel oder Größe. Es geht um ehrlichen Unterricht, um Verantwortung und darum, das Wissen sauber und verständlich an die nächste Generation weiterzugeben. Genau dieser Gedanke begleitet mich bis heute in meinem eigenen Unterricht.
Begegnungen, mit lebendiger Geschichte
Was diese Reise für mich besonders gemacht hat, waren nicht nur die Orte, sondern vor allem die Menschen. Begegnungen mit Lehrern, Zeitzeugen und Praktizierenden, die Wing Chun nicht aus Büchern oder Videos kennen, sondern aus einem Leben voller Training, Erfahrung und Weitergabe. Darunter zählt auch ein Abendessen mit Siu Yuk Men, einem direkten Schüler von Yip Man, bei dem wir Geschichten und Wissen aus erster Hand erleben durften.
Hier ging es nicht um Show, nicht um Inszenierung und nicht um große Worte. Sondern um Präsenz, um Haltung und um Wissen, das über Jahrzehnte gewachsen ist.
Mir wurde einmal mehr bewusst, wie wichtig Nähe zur Quelle ist. Nicht um sich damit zu schmücken, sondern um Verantwortung zu übernehmen: für das, was man lernt, wie man es weitergibt und in welcher Qualität. Ving Tsun lebt nicht von Lautstärke, sondern von Substanz.
Gleichzeitig hat sich mein Vertrauen in den Weg, den ich gehe, weiter gefestigt. Als Schüler von Sifu Göksel Erdogan zu sehen, wie tief, klar und menschlich dieses System gewachsen ist, hat mir erneut gezeigt, welches Glück wir haben, Teil dieser starken GEVT Gemeinschaft zu sein. Eine Gemeinschaft, die nicht stehen bleibt, sondern sich kontinuierlich weiterentwickelt - mit Respekt vor der Geschichte und Blick in die Zukunft.
Diese Begegnungen haben mir nicht "die Augen geöffnet". Sie haben bestätigt, vertieft und eingeordnet. Und sie haben mir erneut gezeigt, das Lernen niemals endet - egal, wie lange man schon unterrichtet.
Training als Teil des Weges
Das Training in Hongkong war kurz, aber intensiv. An zwei Tagen arbeiteten wir unter besonderem Blick der Umgebung: einmal im Park, ein anderes Mal im Kung Fu Corner, einem öffentlichen bekannten Park für Kung Fu Vorführungen. Immer wieder blieben Passanten stehen, zückten ihr Handy oder setzten sich , um zuzuschauen - ein überraschender Rollenwechsel, der zeigte, wie wir unser Ving Tsun hier in der Praxis leben.
Bei 34° C und 85 % Luftfeuchtigkeit fordert jede Übung noch mehr Konzentration und Präzision. Vier Stunden lang ging es um biomechanische Prinzipien und die Umsetzung des GE Ving Tsun. Jeder Schritt, jeder Kontakt dieses Auslandseminar. Selbst ein interessierter Chinese, der in Hongkong eine eigene Schule leitet, meldete sich bei Sifu Göksel an und trainierte mit uns mit.
Für mich bestätigte dieses Training etwas, das wir schon lange wissen: Unser Ving Tsun ist international auf höchstem Niveau. Wir mussten uns nicht verstecken, im Gegenteil - es war faszinierend zu erleben, wieviel Anerkennung und Respekt das System hier erntet.
Kultur, Menschsein und offene Augen
Hongkong beeindruckt nicht nur durch seine Skyline oder das bunte Treiben auf den Straßen, sondern vor allem durch die Menschen und sie Kultur. Überall, wo man hinschaut, spürt man ein harmonisches, sehr organisiertes Zusammenleben - fast wie aus einem Guss. Die Freundlichkeit der Menschen, ihre Rücksichtnahme und die scheinbare Leichtigkeit, mit der der Alltag abläuft, ist inspirierend. Gleichzeitig zeigt sich die Modernität an vielen Orten: pünktliche Straßenbahnen, technologische weiterentwickelte Abläufe und gleichzeitig eine unglaubliche Ruhe und Ordnung im öffentlichen Raum.
Der Besuch der Buddha Statue und des Tempelbereichs war für mich ein echtes Highlight. Zwischen jahrhundertealten Traditionen, kunstvoll verzierten Hallen und der Atmosphäre des Ortes konnte ich mich treiben lassen, beobachten, staunen und für mich selbst zur Ruhe kommen. Ich habe mir eine kleine Obsidian-Mala anfertigen lassen, die perfekt auf mein Handgelenk passt - ein kleines Souvenir, das mich an die Reise und die Erfahrungen erinnert.
Dieses Eintauchen in die Kultur, die spirituelle Ruhe und die Reflexion über das eigene Leben gehört genauso zu dieser Reise wie das Ving Tsun Training selbst. Auch im Hotelzimmer habe ich täglich meditiert, Kraft gesammelt und mich zentriert, um die Energie der Stadt aufzunehmen, aber gleichzeitig wieder herunterzufahren. All diese Momente zusammen geben mir Impulse für meinen Alltag in Wuppertal, für mein Training, meine Weiterentwicklung und für die Art, wie ich Menschen begegne - offen, fokussiert und respektvoll.
Wenn Film, Erinnerung und Realität sich treffen
Es gibt Orte, an denen sich etwas verschiebt. Nicht laut. Nicht spektakulär. Sondern leise - im Blick, im Körpergefühl, in der Art, wie man wahrnimmt.
Hongkong war für mich so ein Ort.
Viele Bilder aus meiner Kindheit und Jugend waren immer da: Kung-Fu-Filme, Straßenszenen, Trainingsräume, Bewegungen, Haltungen. Ich habe sie gesehen - von außen. Wie man einen Film sieht.
Und dann war ich plötzlich mittendrin.
Nicht als Schauspieler, nicht als jemand, der eine Rolle spielt. Sondern als Mensch, der erlebt. Der trainiert. Der schaut. Der still wird.
In diesem Moment wurde mir klar, wie sehr sich Wahrnehmung verändert, wenn man nicht mehr Zuschauer ist, sondern Teil der Szene. Die gleichen Bilder - aber ein völlig anderer Blick.
Was früher Film war, wurde Erfahrung. Was Erinnerung war, wurde Gegenwart. Und die Realität zeigte sich nicht als etwas Festes, sondern als etwas, das sich mit dem eigenen Bewusstsein mitbewegt.
Ving Tsun war dabei nie nur eine Technik. Und auch nie nur Identität.
Natürlich haben wir alle Rollen: Schüler, Lehrer, Übende, Beobachter. Doch diese Rollen sind nicht das, was wir sind - sie sind Ausdruck dessen, was wir für einen Moment leben.
Je klarer mir das wurde, desto freier wurde mein Training. Kein Festhalten. Kein Beweisen. Kein Nachspielen von Bildern aus Filmen oder Geschichten.
Stattdessen: Präsenz. Gewahrsein. Ein innerer Raum, der bleibt - unabhängig von Körper, Gedanken oder Emotionen.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem sich Film und Leben berühren: Nicht indem man versucht, etwas darzustellen, sondern indem man erkennt, dass man mehr ist als jede Rolle, die man einnimmt.
Und genau dort beginnt echte Freiheit - im Training wie im Leben.
Was bleibt
Am Ende dieser Reise bleiben keine Trophäen. Keine Titel. Keine Beweise.
Was bleibt, ist etwas Stilleres.
Eine tiefe Dankbarkeit, Teil eines Weges zu sein, der nicht auf Inszenierung beruht, sondern auf Qualität. Auf Ehrlichkeit. Auf gemeinsames Wachsen.
Ich brauchte keine Bestätigung in Hongkong, um zu wissen, dass ich den richtigen Lehrer und das richtige System gewählt habe. Diese Gewissheit war längst da. Doch die Erfahrung vor Ort hat etwas vertieft: das Gefühlt, Teil einer lebendigen Linie zu sein.
GE Ving Tsun Kung-Fu ist für mich kein Konzept und keine Marke. Es ist eine Gemeinschaft von Menschen, die bereit sind, Verantwortung für ihr eigenes Lernen zu übernehmen. Die nicht kopieren wollen, sondern verstehen. Die nicht spielen, sondern üben.
Was mich besonders berührt hat, war nicht nur das Training selbst, sondern das Miteinander. Die Gespräche. Die Begegnungen. Das gemeinsame Essen. Das Lachen. Das stille Üben nebeneinander.
Hier geht es nicht um Rollenbilder oder Ideale. Nicht um Heldenfiguren aus Filmen. Sondern um Menschsein - mit Disziplin, Respekt und Offenheit.
Diese Reise hat mich nicht verändert. Sie hat mich erinnert.
Daran, warum ich diesen Weg gehe. Daran, wie wichtig Gemeinschaft ist. Und daran, dass echtes Ving Tsun dort entsteht, wo Menschen bereit sind, ehrlich hinzuschauen - nach innen und nach außen.
Was bleibt, ist der Weg. Und die Freude, ihn gemeinsam weiterzugehen.
Auf dem Weg durch Hongkongs U-Bahn: Unterwegs als Gruppe, neugierig und aufmerksam.