Sifu Manni Wellmann
Seit über 22 Jahren begleitet mich Ving Tsun. Als Schüler, Lehrer und immer wieder als Anfänger. Mein Weg führte mich durch verschiedene Schulen, zu unterschiedlichen Lehrern und schließlich zu meiner eigenen Schule in Wuppertal. Und er ist noch lange nicht zu Ende.
Sport war schon immer ein Teil meines Lebens
Schon als Kind habe ich einen großen Teil meiner Energie aus dem Sport gezogen. Zwölf Jahre lang spielte ich leistungsambitioniert Handball, trainierte zeitweise nahezu täglich und schaffte es bis in die Oberliga. Mit 16 begann ich zusätzlich mit intensivem Fitnesstraining. Bewegung, körperliche Entwicklung und der Wunsch, besser zu werden, haben mich schon damals angetrieben.
Später machte ich meine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann und qualifizierte mich unter anderem als Fitnesstrainer mit A-Lizenz, Personal Trainer und Lehrer für Ernährung. 2010 machte ich mich als Personal Trainer in Düsseldorf selbstständig.
Gleichzeitig faszinierte mich die Kampfkunst schon lange. Bruce Lee und die Kampfsportfilme der 80er- und 90er-Jahre hatten ihre Spuren hinterlassen. Als ich Anfang 20 schließlich selbst mit Wing Chun begann, hatte ich schnell Feuer gefangen.
Was zunächst ein neues Hobby neben dem Sport war, nahm mit den Jahren immer mehr Raum in meinem Leben ein. Mich faszinierte nicht nur das Kämpfen, sondern vor allem der Prozess dahinter: trainieren, verstehen, Fehler entdecken und sich immer wieder weiterentwickeln.
Mein heutiger Weg –
Sifu Göksel
Erdogan und
Sifu Taner
Erdogan.
Nach fast zwei Jahrzehnten Ving Tsun begann für mich 2022 noch einmal ein völlig neues Kapitel. Über Videos war ich auf Sifu Göksel Erdogan aufmerksam geworden. Vieles sah dem ähnlich, was ich kannte und doch war es anders. Gerade weil ich zunächst nicht verstand, warum er bestimmte Dinge anders machte, wurde ich neugierig.
Im Oktober 2022 fuhr ich schließlich zu einer Masterclass nach Leonberg, bei der Sifu Göksel Erdogan und Sifu Taner Erdogan gemeinsam unterrichteten. Schon in den ersten Übungen merkte ich, dass hier etwas mit meinem bisherigen Verständnis passierte. Dinge, die ich jahrelang auf eine bestimmte Weise ausgeführt hatte, wurden plötzlich anders erklärt – und vor allem unmittelbar fühlbar. Kleine Veränderungen an Struktur, Winkeln und Kraftübertragung machten einen Unterschied, den ich direkt am eigenen Körper erleben konnte.
Was mich an Sifu Göksel bis heute besonders fasziniert, ist die Verbindung aus jahrzehntelanger Kampfkunsterfahrung und seiner analytischen Herangehensweise als Ingenieur. Er betrachtet Ving Tsun nicht nur als Sammlung überlieferter Bewegungen, sondern hinterfragt immer wieder, warum etwas unter realem Druck funktioniert – oder eben nicht. Sifu Taner ergänzt diese Arbeit durch seine eigene langjährige Erfahrung und seinen Blick auf das System. Gerade diese Kombination aus zwei Lehrern, die mir dieselben Prinzipien aus unterschiedlichen Perspektiven vermitteln und mich immer wieder korrigieren, ist für meine Entwicklung besonders wertvoll.
Nach diesem ersten Seminar war für mich klar, dass ich weiterlernen wollte. Bereits am folgenden Wochenende fuhr ich zum nächsten Seminar nach Hamburg. Daraus wurden in den folgenden Jahren unzählige Trainingswochenenden: die monatliche Masterclass in Leonberg, Seminare in ganz Deutschland, Training in den Niederlanden und weitere intensive Einzelstunden bei Sifu Göksel. In meinen ersten drei Jahren ließ ich bis auf eine Ausnahme kein Seminar aus. 2025 führte mich dieser Weg schließlich auch zu internationalen Trainingsreisen und bis nach Hongkong.
Am 14. Dezember 2024 ernannte mich Sifu Göksel Erdogan im Rahmen eines Seminars in Stuttgart zum Sifu. Vor mehr als hundert Teilnehmern diese Anerkennung zu erhalten, war für mich ein besonderer Moment. Heute bedeutet mir dieser Titel vor allem eines: Verantwortung. Gegenüber meinen Schülern, meiner eigenen Entwicklung, meinen Lehrern und der Kampfkunst, die ich weitergebe.
Denn auch nach 22 Jahren möchte ich vor allem eines bleiben: ein guter Schüler. Je mehr ich lerne, desto deutlicher wird mir, wie viel es noch zu entdecken gibt.
Kung Fu
heißt
harte Arbeit
Mein Kung-Fu-Weg begann bei Sifu Jo Schmitz in Wuppertal-Elberfeld. Sechs Jahre lang trainierte ich regelmäßig bei ihm und legte dort die Grundlage für alles, was später folgte. Aus der anfänglichen Begeisterung für Wing Chun wurde in dieser Zeit ein fester Bestandteil meines Lebens.
Durch meinen Umzug nach Düsseldorf eröffnete sich für mich ein völlig neues Kapitel. Dort lernte ich Holger Wiese kennen, einen erfahrenen Lehrer der Philipp-Bayer-/Wong-Shun-Leung-Linie, der selbst über Jahre intensiv bei Philipp Bayer trainiert hatte. Sein Können und die Art, wie dort Ving Tsun trainiert wurde, beeindruckten mich enorm. Für mich fühlte es sich damals an, als hätte ich eine neue Tür geöffnet.
Von da an wurde das Training zu einem bestimmenden Teil meines Alltags. Vier Gruppentrainings am Abend, zusätzliche Morgeneinheiten und später auch Einzeltraining gehörten über lange Zeit zu meiner Woche. Insgesamt trainierte ich acht Jahre bei Holger und absolvierte in dieser Zeit eine zweijährige Ausbildung zum Ving Tsun Lehrer. Allein während dieser Ausbildung erhielt ich über 200 Stunden Einzelunterricht, zusätzlich zum regelmäßigen Gruppen- und Seminartraining.
Holger erkannte meine Begeisterung für die Kampfkunst und bestärkte mich darin, selbst zu unterrichten und eine eigene Schule aufzubauen. 2014 wagte ich schließlich diesen Schritt in Wuppertal.
Parallel zu meinem Training bei Holger hatte ich über einen längeren Zeitraum die Möglichkeit, Philipp Bayer sehr regelmäßig selbst zu erleben. Als er seine Schule in Neuss hatte, trainierte ich ein- bis zweimal pro Woche morgens bei ihm und besuchte mindestens alle zwei Wochen seine Intensivseminare. Für sein Training reiste ich auch zu Seminaren in andere deutsche Städte und ins Ausland, unter anderem nach Menorca und Kreta. Philipp Bayer war langjähriger Schüler von Wong Shun Leung in Hongkong und damit Teil jener Linie, die mich damals besonders faszinierte. Wong Shun Leung war Schüler von Ip Man und spielte auch in der kämpferischen Entwicklung des jungen Bruce Lee eine wichtige Rolle.
Auch Borja Ruiz de Gauna aus Madrid wurde in dieser Zeit zu einem wichtigen Begleiter meines Trainings. Während seiner zwei Jahre in Deutschland übernahm er einen Teil meiner Lehrerausbildung und arbeitete mit mir auch intensiv im Einzelunterricht. So bekam ich innerhalb derselben Linie unterschiedliche Perspektiven und immer wieder neue Impulse für mein eigenes Training.
Später führte mich mein Weg zu Michael Kurth nach Bielefeld. Rund zwei Jahre lang fuhr ich etwa alle zwei Wochen zum intensiven Einzeltraining in seine Kung-Fu-Garage und nahm zusätzlich ungefähr einmal im Monat an seinen Wochenendseminaren teil. Michael hatte selbst viele Jahre in der Philipp-Bayer-Linie trainiert und noch Seminare mit Wong Shun Leung erlebt. Auch diese Phase wurde für mich zu einem weiteren wichtigen Baustein meines Weges.
Zen – ein zweiter Weg
Durch meinen damaligen Kung-Fu-Lehrer Holger Wiese kam ich vor über zehn Jahren erstmals mit Zen-Meditation und dem Zen-Kloster Buchenberg in Berührung. Was zunächst mit gemeinsamen Meditationen im Umfeld unseres Kung-Fu-Trainings begann, entwickelte sich schnell zu einem zweiten Weg, der mich bis heute begleitet.
Im Zen-Kloster Buchenberg lernte ich Zen-Meister Hinnerk Polenski kennen. Auch seine eigene Erfahrung mit Wing Tsun schuf von Anfang an eine besondere Verbindung. Unter seiner Begleitung vertiefte ich meine Praxis, nahm an zahlreichen mehrtägigen Sesshins und Rohatsus teil und wurde schließlich sein Dharma-Schüler. Dabei erhielt ich den Dharma-Namen "Ango".
Für mich ergänzen sich Zen und Kung Fu auf besondere Weise. In beiden spielen Präsenz, Wahrnehmung und das Zusammenspiel von Körper und Geist eine wichtige Rolle. Im Training lerne ich, Bewegungen immer tiefer zu verinnerlichen. Im Zen übe ich, wach und gegenwärtig zu sein, ohne jedem Gedanken oder Impuls folgen zu müssen. Beides begegnet sich für mich dort, wo aus ständigem Nachdenken unmittelbares, bewusstes Handeln wird.
Hinnerk Polenski hat mir diesen Weg eröffnet und mich über viele Jahre darin begleitet und gefördert. Die Erfahrungen aus der Meditation fließen deshalb bis heute in mein Verständnis von Kampfkunst, Training und Unterricht ein. Zen ist für mich dabei keine Theorie, sondern eine Praxis, die genauso wie Ving Tsun immer wieder neu erfahren werden muss.
Der Weg geht weiter
Seit der Gründung meiner eigenen Kung-Fu-Schule im Jahr 2014 habe ich viele unterschiedliche Phasen erlebt. Ich habe meine Schule mehrfach neu aufgebaut, verschiedene Trainingsorte mit Leben gefüllt und dabei gelernt, dass nicht jeder Weg geradlinig verlaufen muss. Was über all die Jahre geblieben ist, sind meine Freude am Unterrichten und mein eigener Wunsch, mich immer weiterzuentwickeln.
Seit September 2026 beginnt nun ein neues Kapitel in Wuppertal-Barmen. In der Tanzfabrik Wuppertal habe ich einen neuen Ort für meine Schule gefunden. Hier möchte ich Schritt für Schritt wieder das aufbauen, was mir wichtig ist: persönliches Training, eine starke Gemeinschaft und Ving Tsun mit Zeit und Aufmerksamkeit für jeden einzelnen Schüler.
Wo dieser Weg in den nächsten Jahren hinführt, muss heute noch nicht feststehen. Ich habe gelernt, Veränderungen anzunehmen, Möglichkeiten zu erkennen und weiterzugehen. Entscheidend ist für mich, meiner Leidenschaft treu zu bleiben und meinen Weg als Schüler und Lehrer weiterzugehen.
Vielleicht kreuzen sich unsere Wege ja genau hier.














